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Eine Handvoll Erde

Ev. Kirchengemeinden der Region wiesen auf die Bedeutung der Böden hin

Angesichts des anhaltenden Flächenverbrauchs stellten die Kirchengemeinden Langen-Bergheim,
Marköbel, Eckartshausen, die Limeshainer Kirchengemeinden und der Verein für Kultur und
Heimatgeschichte Hammersbach die Bedeutung und den Wert unserer Böden in den Mittelpunkt
von verschiedenen Vorträgen und Gottesdiensten im September.

Unter dem Motto "Boden-Wert-Schätzen" führte zunächst die Bodenkundlerin Dr. Maren Heincke,
Referentin für den ländlichen Raum in der EKHN, in einem interessanten Vortrag in die Problematik
des zu hohen Bodenverbrauches ein und machte anhand eindrucksvoller Zahlen und Schaubilder
deutlich, was der Boden für alles Leben bedeutet:

In einer Handvoll Erde befinden sich über sieben Milliarden Lebewesen. Die gesamte Masse Leben
in einem Hektar Mutterboden ergibt zusammen addiert das Gewicht von 20 Kühen. Über den Zukauf
von Futtermitteln nutzen wir mittelbar weitere riesige Flächen auf vielen Kontinenten dieser Erde,
auch in Ländern, in denen Armut und Hunger herrscht.

Boden ist mehr als nur Fläche:

Der Boden lebt, und ist auch als Wasserfilter und Wasserspeicher von oft unterschätzter großer
Bedeutung. Auch wies Dr. Maren Heincke darauf hin, dass einmal versiegelte Flächen in menschlichen
Zeiträumen nicht renaturiert werden könnten, dass aber aus Kostengründen oftmals neue Flächen
versiegelt würden, anstatt bestehende Leerstände zu recyceln.

Vor einer gleichfalls interessierten Zuhörerschar sagte am zweiten Abend der Vortragsreihe
der Kreisarchäologe des Main-Kinzig-Kreises, Claus Bergmann, der Boden sei neben der Bedeutung
zur Erzeugung der Nahrungsmittel auch Kulturspeicher und geologischer Speicher.
Die Entwicklung der Landschaft wie auch die verschiedenen Kulturepochen unserer Region sind
darin abzulesen. Er schlug einen Bogen von der Steinzeit bis zu den Römern und sprach auch von
den Funden, die aus dem Neolithikum im Zuge der Erschließung des neuen Gewerbegebietes ‚Limes'
kürzlich entdeckt worden seien.

Auch wies er auf den Wert unserer Wetterauer Lössböden hin, waren sie doch der Grund, weshalb
schon vor Jahrtausenden Menschen in unserer Region gesiedelt und ihr Überleben gesichert haben.
Und auch die Römer hätten keine Kosten gescheut, den Limes aufwändig um die fruchtbare Wetterau
herum zu bauen.

In verschiedenen Gottesdiensten bedachten die vergangenen Wochen schon begleitend die Pfarrerinnen
und Pfarrer der beteiligten Kirchengemeinden das Thema.

Höhepunkt war am Sonntag 23.9. eine Stationenwanderung mit abschließendem gemeinsamen Gottesdienst
in Marienborn. Trotz Nieselregens hatte sich eine stattlich Zahl Interessierter am Morgen auf
dem Weiherhof bei Familie Bopp zusammengefunden. Nach der Begrüßung von Pfarrer Christ berichtete
Landwirt Horst Bopp: Wie der Familienbetrieb einst Aussiedlerhof war, und durch Autobahnbau und
Neubaugebiete mittlerweile mitten im Dorf liegt. Und dass er Felder und Wiesen im 50 km entfernten
Grebenhain gepachtet hat, weil ihm an Wirtschaftsfläche schon 30 Hektar durch den andauernden
Flächenverbrauch verlorengegangen sei oder verlorenzugehen droht.

Am neu entstehenden Gewerbegebiet gab Bürgermeister Göllner, der auch Vorsitzender des
‚Zweckverbandes interkommunales Gewerbegebiet Limes' ist, Informationen zum Stand der Erschließung
und Vermarktung. Gegenwärtig entsteht die erste große Logistikhalle. Es entstünden so hunderte
gute und wohnortnahe Arbeitsplätze. Insgesamt sei eine Fläche von 50 Hektar geplant, der
erste Erschließungsabschnitt umfasse 24 Hektar. Auch kritische Nachfragen wurden gestellt.

Anhand zweier ausgebaggerter Bodenprofile erklärte der Agraringenieur Rainer Vogel,
Diplom-Agraringenieur und Ökolandwirt vom Hof Buchwald in Windecken, die Schichtung des Wetterauer
Bodens, die ihn mit zum fruchtbarsten Boden in Deutschland und auf der ganzen Welt mache.
Parabraunerde habe eine hohe Fruchtbarkeit, die vielen senkrechte Risse ermöglichen Regenwürmern
und Wurzeln hervorragende Bedingungen, und seine Bedeutung als Wasserspeicher hat der Lössboden
gerade in diesem einmalig trockenen Sommer wieder bewiesen. Die großflächige Versiegelung von
Flächen in unserer Region habe auch negative Auswirkungen auf den Wasserhaushalt.
Gleichzeitig wisse er aber auch um das Abwägen müssen von Bebauen und Bewahren in einer Kommune
durch seine Stellung als Nidderauer Stadtrat.

Nachdem Christoph Förster seinen Betrieb, der nach Naturland-Richtlinien ökologisch bewirtschaftet
wird, vorgestellt hatte, und aus seiner Sicht die Problematik des hohen Flächenverbrauches
und die Auswirkungen auf sein Arbeiten beschrieben hatte, war die Gemeinde zum Mittagessen
eingeladen, bei gegrillten Biowürstchen der Familie Förster und einer Kartoffelsuppe, die
Linda Schäfer vorbereitet hatte.

Im anschließenden Gottesdienst, den Pfarrer Markus Christ, Pfarrer Oliver Mohn,
Pfrn. Katharina Bärenfänger und Vikar Jonas Failing gemeinsam vorbereitet hatten, näherten sich
trinitarisch dem Thema Boden. Pfr. Christ sprach von Gott, dessen schöpferische Hand zu entdecken
sei in allem, was lebt. Pfr. Mohn wies darauf hin, dass Gott in Jesus Christus seinen Fußabdruck,
die Liebe, auf dieser Erde hineingedrückt hat, und Pfrn. Bärenfänger wies anhand einer Schale
frischer grüner Grassode auf die lebensschaffende Kraft von Gottes schöpferischem Geist hin.
Vikar Failing zeichnete sich für die Liturgie verantwortlich.

Den Wert des Bodens neu schätzen lernen, dem stummen Boden eine Stimme geben, und eine
kritische Diskussion und das Abwägen zwischen den Polen Bebauen und Bewahren zu ermöglichen
- das Konzept der beteiligten Kirchengemeinden und des Vereins für Kultur- und Heimatgeschiche
Hammersbach ist aufgegangen und hat zur Nachdenklichkeit, zum offenen Gespräch und
Standpunktfindung angeregt.